Persönlichkeiten

Man on Wire

In „Man on Wire“ schaffte es ein Mann, die New Yorker – ein allgemein als abgebrühter und schwer zu beeindruckender Menschenschlag bekannt – in Erstaunen zu versetzen. Philippe Petit und sein unsterblicher Drahtseilspaziergang zwischen den Zwillingstürmen ist das Thema von James Marshs „Man on Wire“ und arbeitet an vielen Fronten – es erinnert an eine glorreiche und schöne Vergangenheit der Türme, bevor 9/11 sie überschattete. Oft sieht es sich wie dokumentarischer Räuberfilm, in dem der Protagonist Gesetze bricht aber für fantastisches. „Man on Wire“ war außerdem die Inspiration für die berühmteste Partitur des Komponisten Michael Nyman. Doch in seinem Herzen ist es die Charakterstudie eines Mannes, der schlichtweg keinen Respekt für die Gesetze der Natur hatte.

Marsh zeigt Philippe Petit als einen todesmutigen Träumer, der die Welt als seinen Spielplatz ansieht, als einen Exzentriker, der sein Leben riskiert, um andere und sich selbst wieder wie ein Kind fühlen zu lassen, und seine ungezügelte Begeisterung ist zutiefst ansteckend. Einst sahen viele Menschen die Türme als Zeichen der globalen Welt oder des Kapitalismus. Heute sehen viele Menschen bloß einen Friedhof, eine Erinnerung an den schrecklichen Tag, der die Welt für immer veränderte. Doch Petit sah in den berühmten Wolkenkratzern Manhattans ein weiteres Locken zum Träumen geradezu dafür gebaut, dass er an einem Morgen im August 1974 von einem zum anderen tanzen konnte. Achtmal tanzt Petit vor den Augen einer Stadt zwischen den Türmen hin und her, bevor ihn die Polizei schließlich festnimmt. Und mit jedem Mal wird einem das Herz ein bisschen leichter, solch befreiende Bilder vor den Bildern zu sehen, die sich immer vor den Augen abspielen, wenn man an die Türme denkt. Es ist ein heilender Film, eine Ode an Exzentrik und er appelliert an das Kind in jedem von uns.

Der Film gewann außerdem den Jury-Preis vom Sundance Filmfestival und den Oscar für die beste Dokumentation und ist einer der ganz wenigen Filme, die eine Bewertung von 100 Prozent auf der berühmten Kritikerseite Rotten Tomatoes besitzen.

Philippe Petit wurde durch seinen berühmten Akt selbst zu einem New Yorker. Als 9/11 geschah und er die Türme einstürzen sah, sagte er später es habe ihm das Herz gebrochen. Er war einer der Advokaten dafür, die Türme wieder aufzubauen, und bot an, den Drahtseilgang zu wiederholen, als Symbol für die Befreiung der New Yorker. Doch statt der Türme wurde ein neuer Komplex gebaut und sein Wunsch wurde nicht erfüllt. Doch sein erster Gang bleibt immer noch als Symbol und als Erinnerung, dass die Freiheit und Träume der New Yorker auch nach 9/11 immer noch existieren.