Persönlichkeiten

Exit Through the Gift Shop

Er ist der berühmteste Straßenkünstler der Welt und dennoch kennt niemand sein Gesicht: Banksy.

Er ist der bestbekannte Graffitikünstler aller Zeiten, Leute drucken sich seine Stücke aus und hängen sie überall hin, von Studentenzimmern zu gerahmten Bildern in Yuppie Schlafzimmern.

Viele Straßenkünstler verachten ihn, da er mit Schablonen arbeitet und seine Bilder in Minutenschnelle aufsprüht, was nicht dem klassischen sich in Gefahr begebenden Graffitikünstler entspricht. Trotzdem wollen all diese Menschen wissen, wer zum Teufel er ist.

In dem Augenblick, als der schwer fassbare Straßenkünstler in „Exit Through the Gift Shop“ vor der Kamera auftaucht, weiß man nicht, was man von dem Phantom halten soll. Da sein Gesicht von Schatten verdeckt ist und seine eigentliche Stimme durch computertechnische Verzerrung unkenntlich gemacht wird, bleibt Banksy auch in seinem eigenen Film das Phantom, das er immer war. In dieser berühmten Dokumentation werden die weltweiten Spekulationen über seine Identität, Anonymität und seine Kunst ins Kino getragen, eine geeignete Bühne für einen Künstler, dessen Kunst von manchen als bloßer Vandalismus gesehen wird. Die Faszination dieses Films ist, dass, obwohl er nach eigener Aussage eine wahre Geschichte erzählt, die Möglichkeit eines Schwindlers hinter der Kamera weiterhin umso möglicher erscheint, eben da sich kein Gesicht zum Namen bekennt.

„Exit Through The Gift Shop“ nimmt als Dreh- und Angelpunkt Thierry Guetta, einen verspielten, in Kalifornien lebenden Franzosen, dessen müßiges Interesse am Drehen von Straßenkünstlern dazu führte, dass er sich selbst fragte, was der Wert von Banksy überhaupt ist. Es ist der Geschichte eines Gläubigen nicht unähnlich, der an seinem Gott zweifelt und sich selber zu einem Gott macht, wie er sie all die Jahre vergöttert hat; auf Banksys Rat hin versucht er sich selbst an der Kunst, mietet prompt ein altes Studio, um seine rasch produzierten Stücke auszustellen und wird plötzlich wohlhabend. Es klingt nach einem sehr schlechten Film und man kann es kaum glauben – oder doch?

Es gibt renommierte Zeitungen, die über besagte Ausstellung berichtet haben. Das ist eine Tatsache, die in der Regel Zweifel ausräumt, aber man wird zusehends paranoid während des Films und traut auch den LA Times nicht mehr. Wie kann so etwas Absurdes passiert sein? Banksy steht sozusagen als Frankenstein hinter seiner Kreation als ungesehener Fadenzieher und am Ende hält man es nicht mal mehr für unmöglich, dass Thierry Guetta selbst Banksy sein könnte. Es würde ja Sinn ergeben – oder?

Jeder kann seinen Spaß an „Exit Through the Gift Shop“ haben – Verschwörungstheoretiker, Straßenkunstliebhaber, Straßenkunstverächter, Fans und Feinde von Banksy. Wie wahr das Dargestellte ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber eben die Erweiterung von Banksys Ambivalenz durch sein Mysterium macht „Exit“ zu einer meisterhaften Untersuchung von Kunst und Glauben, das eng mit dem kreativen Schaffen seines Subjektes verbunden ist.